Wibke Charlotte Gneuß

Literatur
März 2021

„Der von Charlotte Gneuß eingereichte Text ‚Gittersee’ ist höchst beeindruckend. Die junge Autorin schreibt in einem erzählerisch leichten, streng durchrhythmisierten Ton und mit einer Sicherheit, wie man sie selten erlebt. Unbedingt förderungswürdig“

Wibke Charlotte Gneuss
Wibke Charlotte Gneuß wurde 1992 in Ludwigsburg geboren, lernte Buchbinden, studierte Soziale Arbeit in Dresden, arbeitete in Asylbewerberheimen, in einer Kneipe und am Theater, bevor sie 2017 erst am Literaturinstitut Leipzig und im Anschluss an der Universität der Künste in Berlin szenisches Schreiben zu studieren begann. Gneuß veröffentlicht ihre Arbeiten in Literaturmagazinen und Zeitschriften, ist Gastautorin bei „Zeit Online“ und redaktionelle Mitarbeiterin des Inhaftiertenmagazins „Aufschluss‟ der JVA Torgau, Leipzig und Waldheim und ist außerdem als Sozialarbeiterin in einer Kindertagesstätte tätig.

In „Gittersee“ beschreibt Gneuß die 70er Jahre im gleichnamigen Dresdner Vorort: Eine Nazi-Großmutter, ein bemühter Vater, eine abwesende Mutter und eine jugendliche Frau, die sich liebevoll um ihre kleine Schwester kümmert und ihre erste Liebe erlebt; zeltende Jugendliche, die wegen Republikflucht verurteilt werden, eine 16-jährige IM, ein schöner Polizist und eine Enthauptung desselben auf staubiger Landstraße. „Diese Geschichte“, sagt Charlotte Gneuß, „hat mich auch aus persönlichen Gründen gereizt. Zum einen kenne ich den Ort, das Milieu, die Repressionsgeschichten aus der eigenen Familie, zum anderen habe ich eine Lust, den bildungsbürgerlichen Dresden-Romanen einen Text entgegenzusetzen, der von einer ganz anderen Wirklichkeit erzählt.“ Eine Wirklichkeit, die nach wie vor zu wenig bekannt ist: Statistiken gehen davon aus, dass bis zu zehn Prozent der Mitarbeiter:innen der Stasi unter 18 Jahre alt waren.